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Rohstoffe für Diätetik und Pharmazie



 

Algentoxine

Als Algentoxine bezeichnet man eine Gruppe von stark toxisch wirkenden Substanzen, die innerhalb der Zellen von einer Reihe von Cyanophyceen (blau-grünen Mikroalgen) vorkommen. Nach der Zerstörung der Zellen können die Substanzen auch ins Wasser gelangen, das dadurch auch ohne Algenzellbestandteile giftig wirkt. Viele toxische Cyanophyceen enthalten außer den Algentoxinen jedoch noch extrem geruchsintensive Komponenten, sodaß wegen dieser Geruchswarnung Vergiftungen bei Menschen relativ selten sind. In Süßwasser kommen folgende Algentoxin-bildende Gattungen vor: Microcystis, Anabaena, Planktothrix, Nostoc. Aphanizomenon und Cylindrospermopsis. Nodularia kommt bevorzugt in Meerwasser vor (ZECH, 2001). Algentoxine sind entweder Leber- (Microcystin, Nodularin) oder Nervengifte (Anatoxin, Saxitoxin). Die Hepatotoxine sind zyklische Oligopeptide, die als Protein-Phosphatase-Inhibitoren wirken. Sie können in Leberzellen, nicht jedoch in andere Zelltypen eindringen, womit ihre spezifische Toxizität zusammenhängt. Von diesen Toxinen sind heute fast 100 Varianten identifiziert. Allen ist gemeinsam, daß die ungewöhnliche, C20-Aminosäure "Adda" enthalten. Die Toxizität der Nervengifte kommt dadurch zu Stande, daß sie entweder als Analogon des Acetylcholins (Anatoxin-a), als Cholinesterase-Inhibitor (Anatoxin-a(S)) oder durch Blockade der Natrium-Kanäle (Saxitoxin) wirken (WELLER, 2002).

Veröffentlichungen über Algentoxine haben dazu geführt, daß in der Öffentlichkeit Furcht vor möglicher  Algentoxin-
Kontamination verschiedener Produkte entstanden ist, die auch als Nahrungsergänzungsmittel mit einer gesundheitsfördernden Absicht konsumiert werden. Dazu ist folgendes zu bedenken: Algentoxine sind entweder in intakten Algenzellen vorhanden oder aber nach Zerstörung der Zellen im Wasser. In wasserfreien oder -armen Produkten kommt allenfalls eine Kontamination durch Algenzellen in Frage.
Bei der als Nahrungsergänzungsmittel verwandten Cyanophycee (blau-grüne Alge) Aphanizomenon flos aquae ("AFA Uralge") ist eine solche Kontamination vorstellbar, wenn sie auch kaum eine realistische Gefahr darstellt. Aphanizomenon flos aquae wird nicht kultiviert, sondern überlicherweise im Upper Klamath Lake in Oregon "wild" geernet. In diesem See wurde Microcystin (als freilich einziges Algentoxin) nachgewiesen, vermutlich auf Grund von Vorkommen von Microcystis.
Toxische Cyanophyceen sind von nicht-toxischen morphologisch oft nicht unterscheidbar. Die früher gängige Annahme, daß von Aphanizomenon flos aquae selbst eine toxische Variante vorkommt (CARMICHEAL, 1997; MAHMOOD, 1087;  RAPALA, 1993), wird jedoch neuerdings in Zweifel gezogen (LI, 2000). 
Jedenfalls stellen die Aphanizmenon-Produzenten durch ein aufwendiges Kontrollprogramm (Mouse bioassay, enzyme linked immuno sorbent assay (ELISA) usw.) sicher, daß das in den Handel kommende Aphanizomenon flos aquae toxinfrei ist. Das Landwirtschaftsministerium des Staates Oregon hat die Obergrenze von Microcystin in Anlehnung an eine Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation auf 1 Mikrogramm je Gramm Algenmasse festgelegt (CHORUS, 1999; CARMICHAEL,
2000).
Bei einem anderen kommerziell verwandten Algenprodukt, Spirulina platensis (eigentliche Arthrospira) können Algentoxine schon deshalb nicht vorkommen, weil Spirulina nur in alkalischem Medium wächst, dessen pH von ca. 9 das Wachstum anderer Organismen unterbindet. Jedenfalls sind keine toxischen Cyanophyceen bekannt, die unter diesen Umständen gedeihen. Reihenuntersuchungen von kommerziellen Spirulina-Mustern ergaben, daß diese stets algentoxinfrei sind (KUIPER-GOODMAN, 2001; LAWRENCE 2001).

Bei der Entwicklung von Methoden zur Massenkultur von Mikroalgen (vor allem Spirulina und Scenedesmus), die schon vor Jahrzehnten u.a. in Deutschland erfolgte, wurde dem möglichen Vorkommen toxischer Substanzen große Aufmerksamkeit geschenkt. Es wurde damals auf folgende Substanzen untersucht: Aflatoxin, Ochratoxin A, Sterigmatocystin, Citrinin, Patulin, Penicillinsäure, Zearalenon, T2-Toxin, Diacetoxysciroenol, Trichothecene,  Fumitremorgen und Verucolugen. Keines der aufgelisteten Toxine wurde je in Algenmustern entdeckt und alle biologischen Tests fielen negativ aus (BECKER,1984(I), BECKER 1984(II)).
Auch bei der als Calcium- und Magnesium-Spender verwandten Tangart (Makroalge) Lithothamnium kann es nicht zu einer Algentoxin-Kontamination kommen. Die teilfossilierten kalkhaltigen Lithothamnium-Sprossen werden auf  dem Meeresboden gesammelt, wo Cyanophyceen nicht in merklichen Konzentrationen vorkommen (sie bilden eher aufschwimmende Algenteppiche). Schon wegen des Größenunterschieds können sie nicht versehentlich zusammen mit Lithothamnium-Sprossen  geerntet werden. Das gleiche gilt im übrigen für die verschiedenen Braunalgen (etwa Laminaria oder Fucus), die wegen ihres Iodgehalts als Nahrungsergänzungsmittel genutzt werden.


(Fragen zum Problem der Algentoxine beantwortet Dr. E.W. Becker, Tübingen, email: wolfgang.becker@med.uni-tuebingen.de)


Literatur


BECKER, E.W.(I), VENKATARAMAN, L.V. 1984: Production and utilization of the blue-green alga Spirulina in India. Biomass, 4, 105-125
BECKER, E.W.(II), 1984: Biotechnology and exploitation of the green alga Scendesmus obliquus in India, Biomass, 1-19
CARMICHAEL, W.W., 1997: The cyanotoxins. In Advances in Botanical Research, Vol. 37 (Ed. by J.A. Callow), pp 211-256. Academic Press, London
CARMICHAEL, W.W.; DRAPEAU, C.; ANDERSON, D.M., 2000: Harvesting of Aphanizomenon flos aquae Ralfs ex Born. & Flah var. flos aquae (Cyanobacteria) from Klamath Lake for human dietary use. Journmal of Applied Phycology, 12, 585-595
CHORUS, i., BARTRAM J. (eds). 1999: Toxic Cyanobacteria in water - A guide to their public health consequences. Monitoring and Management. E & FN Spon, London
KUIPER-GOODMAN, T., et al., 2001: Risk Assessment of microcystins in blue-green algal health food products, in: Mycotoxins and phycotoxins in perspective at the turn of the millenium. Proceedings of the Xth International IUPAC symposium on mycotoxins and phycotoxins 21-25 May, 2000, Guarauja (Brazil), eds. W.J. de Koe, R.A. Samson, H.P. van Egmond, J. Gilbert, M. Sabino, IUPAC and AOAC International, Ponsen and Looyen, Wageningen, The Netherlands, pp. 549-556
LAWRENCE, J., et al., 2001: Comparison of Liquid Chromatography/Mass spectrometry, ELISA, and Phosphatase assay for the determination of microcystins in blue-green algae products. J. AOAC Int. vol. 84, no. 4, 1035-1044
LI, R.H., CARMICHAEL, W.W., LIU, Y.D., WATANABE, M.M., 2000: Taxonomic re-evaluation of Aphanizomenon flos aquae NH-5 based on morphology and 16S rRNA gene sequences. Hydrobiologia, 438, 99-100
MAHMOOD, N.A. CARMICHEAL, W.W., 1987: Annatoxin-a(s), an anticholinesterase from the cyanobacterium Anabaena flos aquae NRC-525-17. Toxicon, 25, 1221-1227
RAPALA, J.; SIVONEN, K., LYRA, C., NIEMELŽ S.I., 1993: Anatoxin-a concentration in Anabaena and Aphanizomenon flos-aquae at different environmental conditions and comparison of growth by toxic and non-toxic Anabaena strains, a laboratory study.
Applied Environmental Microbiology, 64, 99-105
WELLER, M.G., 2002: Algengifte im Wasser. Nachrichten aus der Chemie, 06/2002, S. 700-7005
ZECH; CH., 2001: Entwicklung von immunanalytischen, chromatographischen und massenspektrometrischen Methoden zur Bestimmung cyanobakterieller Hepatotoxine (Microcystine und Nodularine). Dissertation, TU München, Nov. 2001, S.3
 


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