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Rohstoffe für Diätetik und Pharmazie


 
Paradiesnüsse - eine natürliche Selenquelle

Selen ist für den Menschen und die meisten Tiere ein essentielles, d.h. unerläßliches mit der Nahrung zuzuführendes Spurenelement. (Zur Rolle des Selens siehe die Ausarbeitung zu Selenhefe). 

Ob auch Pflanzen Selen benötigen ist nicht sicher, doch enthalten Pflanzen Selen,  wenn sie auf seleniferen Böden gewachsen sind. So z.B. Weizen (OLSON, 1970), Sojabohnen (RODIBAUGH, 1990; YASUMOTO, 1988) und Mais (BEILSTEIN, 1991).
Diese Pflanzen nehmen das Selen mehr oder weniger passiv an Stelle von Schwefel auf, da sie es von Schwefel nicht unterscheiden können. Daneben gibt es unter den Pflanzen Spezialisten, die sich auf den Selengehalt der Böden eingestellt haben und das Element aktiv und gezielt aufnehmen. Man nennt diese Pflanzen Selenakkumulatoren. Neben einigen wenig bekannten krautartigen Selenakkumulatoren, die im Mittleren Westen der USA vorkommen, zählt dazu die Paranuss (PALMER, 1982) und deren Verwandte, die Paradiesnuß (HOPPE, 1975). Beide kommen in Südamerika vor und gehören zur Familie der Lecythidaceen. Die Paranuß ist die einzige Art ihrer Gattung, wohingegen von der Paradiesnuss (Gattung Lecythis) 26 Arten bekannt sind. In der Literatur werden zwei Arten, Lecythis ollaria (ARONOW, 1965) und Lecythis minor (DICKSON, 1969) als Selenakkumulatoren genannt. Nach eigenen Untersuchungen enthält auch der Samen von Lecythis tuyrana erhebliche Mengen Selen, und nach Untersuchungen von MARX (1997) und ANDRADE (1998) auch der von Lecythis usitata,  sodaß angenommen werden kann, daß wohl alle Arten der Gattung Selen in Abhängigkeit vom Selengehalt im Boden akkumulieren.

Selen wird gemeinhin (von Pflanzen und Tieren) in Analogie zum Schwefel metabolisiert. Der Schwefel geht über die Zwischenstufe Cystathionin in die Aminosäuren  Cystein und Selenomethionin ein. Die Aufnahme von Selen führt zu den entsprechenden analogen Verbindungen Selenocystein und Selenomethionin, wobei dann die Zwischenstufe Selenocystathionin ist. Die selenanalogen Aminosäuren, vor allem Selenomethionin, werden üblicherweise in Substitution der Schwefelanalogen in Proteine eingebaut und das ist der Grund dafür,
daß zuviel Selen (für Pflanzen wie Tiere) schädlich ist: Selen ist dem Schwefel zwar chemisch ähnlich, hat aber einen größeren Atomradius, auch dissoziert und oxidiert die Selenol-Gruppe leichter als die Sulfhydrylgruppe. Wenn deshalb zuviele Schwefelatome in einem Protein durch Selen ersetzt sind, leidet seine Funktionsfähigkeit. Dieses Problem umgehen die Selenakkumulatoren, indem sie den Selenmetabolismus auf der Stufe des Selenocystathionins anhalten. Selenocystathionin ist zwar auch eine Aminosäure, jedoch ist es nicht proteinfähig, wird also nicht in Proteine eingebaut und kann diese deshalb auch nicht schädigen. Das Selenocystathionin wird in freier Form allein in den Samen angesammelt oder "kompartmentalisiert"  (ARONOW, 1965), die Blätter sind nach unseren Untersuchungen praktisch selenfrei.

Der Anbau aller Lecythidaceen bereitet bis heute Schwierigkeiten. Reine Paranuss-Monokulturen sind unfruchtbar. Möglicherweise fehlen in Plantagen die Tierarten, die die Bestäubung vornehmen (vermutlich bestimmte Fledermäuse). Deshalb stammen Paranüsse heute ausschließlich aus Wildsammlungen und kommen aus einem sehr großen Einzugsgebiet, das fast das ganze Amazonien umfaßt. Da der Selengehalt der Samen ganz von der Verfügbarkeit des Selens im Boden abhängt und da der größte Teil der amazonischen Böden selenfrei ist, variiert auch der Selengehalt der Paranüsse von Null bis zu recht hohen Werten (PALMER, 1982). Im Durchschnitt ist er jedoch gering. Im Prinzip gilt das gleiche auch für die anderen Lecythidaceen  (MORI, 1990), jedoch ist das Vorkommen der Paradiesnussarten auf kleinere Gebiete beschränkt. Der Selengehalt von Paradiesnüssen, die aus bestimmten Gegenden kommen, ist deshalb recht zuverlässig.

 

Auch Paradiesnüsse werden derzeit noch nicht angebaut, obwohl es an Empfehlungen (HOYOS, 1989; KENNARD, 1960; MENNINGER, 1977; BRÜCHER, 1977) nicht gefehlt hat und auch bereits praktische Versuche in Australien gemacht wurden (CARLE, 1996). Die Beliebtheit der Paradiesnüsse bei Nagetieren (auch den entsprechenden Beuteltieren) hat sich aber als Anbauhindernis herausgestellt.

ARONOW (1965) hat Selenocystathionin aus Paradiesnüssen isoliert, es hat folgende Formel:

           HOOC-CH(NH2)-CH2-CH2-Se-CH2 -CH(NH2)-COOH

Es verbleibt beim Abpressen der Paradiesnüsse im Rückstand. Es ist wasserlöslich und deshalb finden sich nur Selenspuren (von 3-5 mg Se/kg) im Öl. Damit bietet es sich dennoch als selenhaltige Mischkomponente in Speiseöl an (das auf nicht mehr als 1 mg/kg Selen standardisiert werden sollte) oder zur Anwendung in der Kosmetik. Der Pressrückstand wird mit Ethanol extrahiert, um Restöl daraus zu entfernen. Das trockene, fettfreie, pulverförmige Paradiesnuss-Samenmehl wird mit einem Trägerstoff auf 0,1% Selen standardisiert.

Die Wichtigkeit des Selens als Spurenelement ist hinreichend bekannt und braucht in diesem Zusammenhang nicht erörtert zu werden. (Man vergleiche dazu die Zusammenfassung zu Selenhefe).

 

Gegenüber der Selenhefe hat die Paradiesnuß den Vorteil, daß ihr Selen praktisch ausschließlich als Selenocystathionin vorliegt. Diese Aminosäure ist der direkte biologische Vorläufer des Selenocysteins, das die einzige Form des Selens ist, die der Körper benötigt und anwenden kann. Anders als das Selenomethion kann Selenocystathionin (wie oben erläutert) nicht in Proteine eingebaut werden, und trägt damit Bedenken Rechnung, die deutsche und europäische Autoritäten gegenüber der Verwendung selenomethioninhaltiger Nahrungsergänzungmittel vorgebracht haben. Der Körper kann nämlich aus dem Selenocystathionin so viel Selenocystein syntethisieren als er benötigt, eine ungeregelte Seleneinlagerung in Proteine findet nicht statt.

 

Paradiesnußprodukte sind somit nicht nur die natürlichsten aller Selenquellen, sie sind auch die physiologisch vorteilhaftesten.



Literatur

ANDRADE, E.H.A., MAIA, J.G.S., STREICH, R., MARX, F., 1999: Seed composition of Amazonian Lecythidaceae Species: Part 3 in the Series "Studies of Edible Amazonian Plants". Journal of  Food Composition and Analysis 12, 37-51 (1999)

ARONOW, L.; KERDEL-VEGAS, F., 1965: Seleno-Cystathionine, a pharmacologically active factor in the seeds of Lecythis ollaria. Nature, Vol. 205, 1965 March 20, No. 4977, 1185-1187  
BEILSTEIN, M.A. et al., 1991: Chemical Forms of Selenium in Corn and Rice Grown in a High Selenium Area. Biomedical and Environmental Sciences 4, 392-298 (1991)  
BRÜCHER, H., 1977: Tropische Nutzpflanzen, Springer Verlag, 1977, S. 410  
CARLE, A, 1996: Private Mitteilung. Mr. Alan Carle, PO Box 354, Mossman, Qld. 4873 Australien
DICKSON, J. D., 1969): Notes on Hair and Nail Loss After Ingesting Sapucaia Nuts (Lecythis elliptica). Econ. Bot., 23, 133-134
HOPPE, H.A., 1975: Drogenkunde, Walter de Gruyter, Berlin, New York, S. 640

HOYOS, J. F., 1989: Frutales en Venezuela. Soc. de Cienc. Nat. La Salle, Monografia No. 36, Caracas, 1989, S. 124
KENNARD; WINTERS, 1960: Some Fruits and Nuts for the Tropics, p.78, Miscellaneous Publication No. 801, US Dept. of Agriculture
MARX, F., 1997: Inhaltsstoffe ausgewählter Früchte des Amazonasbeckens. Habilitationsschrift Universität Bonn, S.141

MORI, S., 1990: Flora Neotropica, Monograph 21 (II), Lecythidaceae - Part II, S. 318

MORI, S., 1970: The ecology and uses of Lecythis in Central America. Turrialba 20(3): 344-350

MENNINGER, A.E., 1977: Edible Nuts of the World. Horticultural Books, Inc. Stuart. Florida 33494, p. 37
OLSON, O.E. et al., 1970: Investigation on Selenium in Wheat. Phytochemistry, 1970, Vol 9, pp. 1181 to 1188  
PALMER, I.S.; HERR, A., 1982: Toxicity of Selenium in Brazil Nuts to Rats. Journal of Food Science, vol. 47, 1595-1597  
RODIBAUGH, et al., 1990: Identification of Chemical Forms of Selenium in Soy Storage Protein, FASEB Journal 4 (4), 1990, A1062  
YASUMOTO, K. et al., 1988: Identification of Selenomethionine in Soybean Protein.
J. Agric. Food Chem. 1988, 36, 463-467  
 



 
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