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Rohstoffe für Diätetik und Pharmazie


 

Selenit und organisches Selen

Über Metabolismus und Wirkung

 

 

Die Sicherstellung einer ausreichenden Selenversorgung gehört zu den wirksamsten und zugleich einfachsten gesundheitspolitischen Maßnahmen:

·        Selengaben mindern die Krebsinzidenz stark, unter bestimmten Umständen um  bis zu 50% (CLARK, 1996)

·        Selengaben mindern die Inzidenz von Koronarerkrankungen (KIEM, 1987; KARDINAAL, 1997; HUTTUNEN, 1997)

·        Das Immunsystem benötigt zu einer störungsfreien Funktion eine ausreichende Selenzufuhr (McKENZIE, 2002). Eine ausreichende Selenversorgung schützt vor Infektionen.

·        Selen entgiftet Schwermetalle (SCHRAUZER; PARIZEK, 1971; WANG, 2001)

 

Selen wird mit der Nahrung aufgenommen, und zwar vor allem mit Fleisch, Fisch und Cerealien. Der Kreislauf des Selens ist wie folgt:

Das in der Erde in geringer Menge vorliegende anorganische Selen (in der Regel als Selenat, seltener auch als schlechter resorbierbares Selenit) wird von Pflanzen zusammen mit Schwefel aufgenommen und zusammen mit und in Analogie zum Schwefel metabolisiert: Über verschiedene Zwischenstufen (darunter Sulfid/Selenid) entstehen Cystein/Selenocystein und (über die Zwischenstufen (Seleno)cystathionin und (Seleno)homocystein) Methionin/Selenomethionin, die in Proteine eingebaut werden und zwar, da Pflanzen die Schwefel- und Selenhomologen nicht unterscheiden können, statistisch je nach Angebot der jeweiligen Varianten. Pflanzen benötigen das Selen (in der Regel) nicht, geringe Mengen (der Selenoaminosäuren) stören aber auch nicht. Tatsächlich sind die geringen in pflanzlichen Proteinen enthaltenen Mengen Selenomethionin und Selenocystein die traditionelle Grundlage der Selenversorgung von Mensch und Tier. Deren Vorkommen ist nachgewiesen in Weizen (OLSON, 1970), Soja (RODIBAUGH, 1990; YASUMOTO, 1988) Reis und Mais (BEILSTEIN, 1991).

Ähnlich verhält es sich übrigens auch bei der Hefe, die bei der Fermentation anorganisches Selenit in Selenocystein und Selenomethionin umwandeln kann (KORHOLA, 1986; HAAS, 1992).

 

Wird selenhaltiges, pflanzliches Protein oder selenhaltige Hefe durch Tiere oder Menschen verzehrt, erfolgt der Abbau des darin enthaltenen Selenocysteins und Selenomethionins in Umkehrung der oben beschriebenen pflanzlichen Synthese. Beide werden zum Selenid umgesetzt, das eine zentrale Stellung im Selenstoffwechsel einnimmt. Selenid kann entweder zu Methylverbindungen umgesetzt und so ausgeschieden werden, oder es entsteht daraus erneut Selenocystein, jedoch nicht als freie Aminosäure, vielmehr erfolgt die Synthese erst im Moment des Einbaus in ein Selenoprotein durch Reaktion mit Phosphat und dann Serin.

Während das eingenommene Selenocystein sofort zu Selenid umgesetzt wird, ist bei Selenomethionin auch ein Umweg möglich. Es wird zunächst an Stelle von Methionin in Proteine eingebaut, wo der Ersatz wegen der Ähnlichkeit der Homologen keinen Schaden verursacht. Bei einem späteren Stoffwechsel des Proteins wird das freigesetzte Selenomethionin dann wie oben beschrieben zu Selenid abgebaut und als Methylverbindung ausgeschieden oder zur Selenocysteinsynthese verwandt.

 

In den meisten Ländern Europas, darunter Deutschland, besonders ausgeprägt aber Finnland, ist die Selenversorgung suboptimal. In Finnland mit seinen extrem selenarmen Böden setzt man dem Mineraldünger anorganisches Selen zu, um im Getreide höhere Gehalte an organischem Selen zu erzielen. Auch in Deutschland wird "Selen"-Weizen erzeugt, indem man Felder mit Selensalzen düngt (BÄKO, 1999). Im Unterglasanbau von Gemüse wird den künstlichen Substraten anorganisches Selen zugefügt (SONNEVELD (1984)).

 

Die Selenversorgung über Mineraldüngerzusätze zu verbessern, ist allerdings ein teures Verfahren. Sein schlechtes Kosten/Nutzen-Verhältnis hat schließlich zur Entwicklung der Selenhefe geführt (wieder mit Finnland als Vorreiter), die ganz der gezielten Herstellung selenhaltiger Landbauprodukte mittels selenhaltigen Mineraldüngers entspricht, allerdings eine viel effektivere Variante darstellt: Der anorganischen Fermentations-Nährlösung wird ein Selensalz hinzugefügt, was zum Einbau von Selenocystein und Selenomethionin in die Hefeproteine führt.

 

Die vergleichsweise aufwändige Herstellung von Selenweizen und Selenhefe verdankt sich vor allem dem Wunsch der Verbraucher nach "natürlichen",  "biologischen" Produkten, dem die Behörden früher auch Rechnung trugen. Die Verwendung von Selenit als Nahrungsmittelzusatz war damals verboten.

 

Tatsächlich ist auch anorganisches Selen, also Selenit und Selenat als Selenquelle brauchbar. So wird dem Tierfutter heutzutage praktisch immer Selenit zugefügt. Dies geschieht weniger im Hinblick auf die Tiergesundheit (die allerdings von der Stärkung des Immunsystems sehr profitiert), sondern aus Interesse an einer besseren Fleischqualität: Die dann in ausreichender Menge vorliegenden Selenoproteine (Glutathionperoxidasen) schützen die Zellmembranen des Fleisches vor Oxidation und vermindern so das Austreten von Zellinhaltsstoffen (Saftverlust). Darüber hinaus verbessert ein solches Fleisch die Selenversorgung der Konsumenten. Wiederum wird somit anorganisches Selen, auf dem Wege der Fleischproduktion für den Konsum in organisches Selen überführt. Im tierischen Organismus findet ein ähnlicher Metabolismus statt wie in Pflanzen: Von Selenat/Selenit zu Selenid, von Selenid zu Selenocystein, das allerdings, wie oben erwähnt, nicht in freier Form entsteht, sondern erst zum Zeitpunkt des Einbaus in ein Selenoprotein. Der bei Pflanzen existierende weitere Metabolismus vom Selenocystein über Selenocystathionin und Selenohomocystein zum Selenomethionin findet allerdings nicht statt: Im tierischen (und menschlichen) Organismus entsteht kein Selenomethionin. Das ist nicht verwunderlich. Der Säugetierorganismus kann auch kein einfaches Methionin synthetisieren: Methionin ist essentiell.

Wohl aber findet, wie oben erläutert, die Rückreaktion statt: Vom Selenomethionin über Selenohomocystein und Selenocystathionin zum Selenocystein und weiter zum Selenid.

 

Es sei darauf hingewiesen, daß zwischen dem spezifischen und unspezifischen Selenmetabolismus unterschieden werden muß. Der unspezifische Selenmetabolismus entspricht einfach dem Schwefelmetabolismus (die beiden Elemente sind sehr ähnlich), er setzt spätestens dann ein, wenn der Organismus von einem Selenangebot überschwemmt wird. Er erklärt, warum ein Überschuß Selen für Tier und Pflanze (mit der interessanten Ausnahme der sogenannte Selenakkumulatoren) toxisch wirkt. Pflanzen, (mit Ausnahme der Selenakkumulatoren) kennen nur den unspezifischen Selenstoffwechsel. Selen wird wie Schwefel von den dafür zuständigen Enzymen zu Selenocystein und Selenomethionin umgesetzt und in Proteine eingebaut. Kleine Mengen schaden, wie oben erwähnt, nicht, wohl aber größere, und zwar massiv von einer bestimmten Konzentrations-Schwelle an. Die Selenolgruppe des Selenocysteins ist nämlich "saurer" (niedrigerer pK-Wert) und auch leichter oxidierbar als die Sulfhydrylgruppe des Cysteins. Die bei der Oxidation entstehenden Diselenid- und auch Selenid-Sulfid-Brücken führen zu einer Proteinvernetzung. Das Protein verliert dabei seine Funktionalität, der Organismus stirbt. Dieses Modell erklärt auch das Schwellenphänomen der Selentoxizität. Damit Selenol-Gruppen oxidativ-vernetztend reagieren können, müssen sie erst einmal aufeinander treffen. In dem dreidimensionalen Proteinknäuel ist die Wahrscheinlichkeit des Aufeinandertreffens aber proportional der dritten Potenz der Anzahl (Konzentration) der Selenol-Gruppen. Bei kleinen Konzentrationen ist die Wahrscheinlichkeit entsprechend sehr gering, steigt aber bei einer bestimmten Konzentration schwellenartig an.

 

Organismen, für die Selen essentiell ist, kennen sowohl den spezifischen Stoffwechsel bei niedrigen Konzentrationen, der der Essentialität des Elements Rechnung trägt und wie er oben in ganz groben Zügen dargelegt worden ist, wie auch den nichtspezifischen, bei toxischem Überangebot, der den Schwefelstoffwechsel teilweise ersetzt. Die Folge sind zu hohe Selenocystein- (Selenol-) Konzentrationen, Protein- (vor allem Enzym-)Vernetzung, Tod des Organismus.

 

Konsumenten ziehen natürliche, biologische Produkte, wie Selenweizen und Selenhefe, anorganischen Selenverbindungen vor. Im Falle von Selenit ist die Abneigung zum Teil auch berechtigt. Das sehr reaktive Selenit fügt sich nicht leicht in den normalen Nahrungsselenstoffwechsel ein, es reagiert z.T. bereits unspezifisch mit den Schleimhäuten, von Vitamin C (Ascorbinsäure) wird es zu nicht resorbierbarem elementarem Selen reduziert. Zumindest eine Veröffentlichung (SCHEARER, 1980) beschreibt die durch Selenit verursachte Kataraktbildung bei jungen Ratten, vermutlich weil Selenit Peroxidation fördern kann.

 

Diese gegen die Verwendung von Selenit sprechenden Fakten spielen keine Rolle bei der Verwendung in Futtermitteln. Warum aber die EU-Behörden auf Biegen und Brechen und unter Zurückweisung aller Einwände die Verwendung von Selenit in Nahrungsergänzungmitteln erzwingen wollen, ist nicht nachvollziehbar. Die Präferenzen der Bevölkerung scheinen wieder einmal keine Rolle zu spielen: EU-Bürger sollen es nicht besser haben als die Schweine.

Ein aparter Aspekt dabei ist, daß es derzeit Bestrebungen gibt, die Schweine besser zu stellen als EU-Bürger. Der European Food Safety Authority liegen Anträge vor, Selenhefe als Futtermittelzusatz zu registrieren (EU, 2005)

 

Die von EU- und allen nachgeordneten Behörden vorgebrachten Bedenken beziehen sich auf die Tatsache, daß Selenhefe auch Selenomethionin enthält und dieses - wie oben erläutert - nicht in jedem Fall sofort metabolisiert, sondern zwischenzeitlich in statistischer Substitution von Methionin in Proteine eingebaut wird. Was daran bedenklich sein soll, ist nicht zu verstehen. Tatsächlich fungiert dieses Selenomethionin in Proteinen als Selenspeicher, und es hatte diese Funktion offensichtlich wenigstens während der gesamten Evolutionsgeschichte der Säugetiere, denn alles vegetabilische Selen enthält genau wie Selenhefe neben Selenocystein immer auch Selenomethionin. Es hat den Säugetieren nicht geschadet.

 

Winfried Behr             

11.11.2005                

 

 

 

 

 

 

Anhang:

 

Umsetzung anorganischen Selens

unspezifisch in Pflanzen und vermutlich Hefe nach LÄUCHLI (1993):

(bei zu hohem Angebot toxisch)

 

Selenat

Selenit

Glutathion-Seleno-Trisulfid (GSSeSG)

Selenoglutathion (GSSeH)

Selenid

Selenocystein

Selenocystathionin

Selenohomocystein

Selenomethionin

 

 

Metabolismus anorganischen Selens

unspezifisch in Tieren (bei zu hohem Angebot, toxisch)

 

Selenat

Selenit

Selenid

Selenocystein

Enzym-Vernetzung, Absterben

 

 

Metabolismus organischen und anorganischen Selens

spezifisch, bei adäquater Zufuhr, nach LOBINSKI (2000)

 

 

                          Selenhaltige Proteine (unspezifisch)

                                   

                          Methionin/Selenomethionin-Vorrat

                                   

                          Selenomethionin

                                   

                          Selenohomocystein

                                   

           Selenat        Selenocystathionin

                                  

           Selenit        Selenocystein              Selenoproteine

                                                       (spez.)

                           Selenid                   

                                                    

               Urin      CH3SeH      Se-Phosphat + Serin   

                                                          

               Atem     (CH3)2Se                         

                                                           

               Urin     (CH3)3Se+                      Selenocystein

 

 

Literatur

 

BÄKO-Magazin, 1999: Neues Produkt aus der Natur. BÄKO-Magazin, 1/99, S. 43

BEILSTEIN, M.A. et al.: 1991: Chemical Forms of Selenium in Corn and Rice Grown in a High Selenium.. Biomedical and Environmental Sciences 4, 392-298 (1991)

CLARK, L.C., 1996: Effects of Selenium Supplementation for Cancer Prevention. JAMA, December 25, 1996, vol 276, No. 24, 1957-1963  

EU, 2005: www.efsa.eu.int/science/feedap.an_applications/catindex_en.html

HUTTUNEN, J.K., 1997: Selenium and cardiovascular diseases - an update.

Biomedical and Environmental Science 10, 220-226  

KARDINAAL, A.F. et al., 1997: Association between toenail selenium

and risk of acute myocardial infarction in European men: The Euramic

American Journal of Epidemiology 145, 373-379  
KIEM, J.; KOSLOWSKI, G., 1987: Platelet and erythrocyte kinetics studied with Selenium-74 Trace Element - Anal. Chem. in Med. and Biol. vol. 4, p.311, 1987 LÄUCHLI, A., 1993: Selenium in Plants: Uptake, Functions, and Environmental Toxicity. Bot. Acta 106, 455-468  
LOBINSKI, R., et al., 2000: Species-selective Determination of selenium compounds in biological materials. Pure Appl. Chem. Vol. 72, No. 3, pp. 447-461, 2000  
McKENZIE, R.C., 2002: Selenium and the Immune System
Nutrition and Immune Function, Ed. P.C. Calder, CABI Publ. 229-250  
OLSON O.E. et al., 1970: Investigation on Selenium in Wheat. Phytochemistry, 1970, Vol 9, pp. 1181 to 1188  
PARIZEK J. et al., 1971: The detoxifying effects of Selenium, in: Mertz, W.& Cornatzer W.E. ed. Newer trace elements in nutrition, N. Y., M. Dekker, Inc., p 85-122  
RODIBAUGH, R. et al.: Identification of Chemical Forms of Selenium in Soy Storage Protein. FASEB Journal 4 (4), 1990, A1062  
SCHEARER, T.R., et al., 1980: Histological evaluation of selenium induced cataracts.
Exp Eye Res31: 327-333, 1980  
SCHRAUZER, G.N.: Selen- natürlicher Schutzstoff bei Quecksilberbelastungen
Ganzheitliche Zahnheilkunde in der Praxis, Spitta-Verlag  
SONNEVELD, C., DE BES, S.S., 1984: Micro Nutrient Uptake of Glasshouse Cucumbers Grown on Rockwool.
Communications in Soil Science and Plant Analysis, 15(5), 519-53 (1984)
WANG, W. et al., 2001: Prevention of endemic arsenism
Current Sci. 81:1215-1219 

 


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